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5. November 2011 • Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ärzte in der Uni-Klinik

Doppelter Kampf

Von gaBi stief
Wenn jeder zweite Mitarbeiter erklärt, er erwäge zu kündigen, sollte der Chef nachdenklich werden. Wenn immer häufiger Stellen unbesetzt bleiben, weil die Konkurrenz mit attraktiveren Angeboten lockt, sollten die Alarmglocken schrillen. Im vergangenen Jahr fragte die Gewerkschaft Marburger Bund die Ärzte an Uni-Kliniken, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit sind. Das Ergebnis der Umfrage war niederschmetternd. Deutschlands Spitzenmediziner, vor allem die jungen, die ihre Karriere noch vor sich haben, fühlen sich ausgenutzt und unterbezahlt.

Nur in der Fernsehserie rauscht der Oberarzt lächelnd ins Zimmer und kann sich für einen längeren Plausch ans Bett der Patientin setzen. Ein Traumjob? Nur im Fernsehen. Die Mediziner ringen um mehr Lohn, ... Nach Schätzungen des Marburger Bundes arbeiten Klinikärzte im Schnitt 55 Stunden in der Woche. Die 42-Stunden- Woche steht nur auf dem Papier. Nachtdienste, Wochenendeinsatz und Überstunden, die überraschend angesetzt werden, sind die Regel. An Uni-Kliniken kommt die Doppelbelastung durch Forschung und Lehre hinzu. Nach dem Dienst auf der Station warten die Arbeit im Labor und die Auswertung klinischer Studien. Der Professor schüttelt vielleicht den Kopf, doch immer weniger junge Mediziner sind bereit, auf eine geregelte Freizeit zu verzichten und ihre berufliche Karriere über alles zu stellen.

Mehr als die Hälfte der Ärzte an Uni-Kliniken ist zwischen 31 und 40 Jahre alt. 60 Prozent der Berufseinsteigerinnen sind mittlerweile Frauen. Als Philipp Rösler noch Gesundheitsminister war, versprach er, mit den familienfeindlichenArbeitszeiten in den Kliniken endlich aufzuräumen. Wie? Das blieb offen. Der Marburger Bund hat beschlossen, sich nicht beim Problem Mehrarbeit zu verkämpfen. Er fordert mehr Geld: fünf Prozent mehr Gehalt, höhere Zuschläge für Nachtdienste und zusätzliche Gehaltsstufen für Fach- und Oberärzte. Die Mediziner an Uni-Kliniken sollen mit den besser bezahlten Kollegen an den kommunalen Krankenhäusern gleichziehen.

Die Länder, mit Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring als Verhandlungsführer, bieten 3,75 Prozent mehr Geld und wollen Urlaubstage streichen. Ende September, nach fast viermonatigen Tarifverhandlungen, erklärte der Marburger Bund die Gespräche für gescheitert. Seit gestern sitzt man wieder an einem Tisch. Sollten sich Gewerkschaft und Länder nicht noch in letzter Minute einigen, droht ab Montag an 23 Uni-Kliniken zwischen Kiel und Freiburg ein unbefristeter Ausstand. Es wäre nicht der erste Streik, den die Ärzte-Gewerkschaft sich vornimmt. Vor fünf Jahren hat sie nach einemdreimonatigen Arbeitskampf erstmals einen eigenen Tarifvertrag für die Mediziner durchgeboxt.

Ein Streik trifft nicht nur die Patienten; er trifft auch die Kliniken in einer schwierigen Lage. Die Ärzte kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen, viele Kliniken ums Überleben. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass jede dritte der 32 Uni-Kliniken damit rechnet, am Jahresende rote Zahlen zu schreiben. Das neue Finanzierungssystem über Fallpauschalen macht vielen zu schaffen. Die Zahl der Patienten steigt; darunter sind viele Ältere mit schweren und unklaren Erkrankungen. Die Abrechnung über feste Pauschalen für bestimmte Diagnosen führt jedoch häufig dazu, dass nicht alle Kosten von den Krankenkassen erstattet werden. Man bleibe auf Kosten in Millionenhöhe sitzen, heißt es. Auch die Länder sparen; die Investitionszuschüsse an die Kliniken werden vielerorts zusammengestrichen. ... die Kliniken ringen ums Überleben Was tun? Experten stellen der deutschen Hochschulmedizin mittlerweile eine schlechte Zukunftsprognose aus. Seriöse Studien warnen, dass in den nächsten Jahren nur jede zweite Uni-Klinik überleben wird.

Für Privatisierungen, wie sie Hessen praktiziert, kann sich niemand mehr erwärmen. Eine Lösung heißt stärkere Kooperation mit der Wirtschaft und mehr Auftragsforschung. Eine andere wird gerade in Berlin erprobt: Eine der ältesten Unikliniken schlüpft unter die Fittiche des Bundes. Die Charité in Berlin, die mit hohen Sanierungskosten kämpft, soll dauerhaft aus dem Etat des Bundesforschungsministeriums mitfinanziert werden. Im Zuge der Föderalismusreform hatte sich der Bund weitgehend aus der Unterstützung zurückgezogen; stattdessen wird mit Exzellenzwettbewerben Forschungsgeld an die Kliniken verteilt. Berlin könnte ein Pilotprojekt sein, heißt es im Ministerium.