Hildesheim (bar).
Die Kinderund Jugendhilfe-Einrichtung St. Ansgar besteht seit 50 Jahren. Einst als klassisches Kinderheim gegründet, sollen junge Menschen heute möglichst schnell in ihre Familien zurückkehren oder auf eigenen Beinen stehen können. Möbel aus hellem Holz, an den Wänden bunte Kinderzeichnungen, das Sofa ein wenig abgenutzt, in den Fenstern große Grünpflanzen – es sieht aus wie im Wohnzimmer einer ganz normalen Familie. Einer ziemlich großen Familie allerdings, denn rund um den Esstisch ist Platz für zehn Kinder. Das Haus ist Heimat einer der Wohngruppen der Kinderund Jugendhilfe St. Ansgar. Hier sollen die Kinder ein vorübergehendes Zuhause finden in einer familienähnlichen, möglichst "normalen" Umgebung.
Vor 50 Jahren wurde St. Ansgar als klassisches Kinderheim eröffnet. Damals übernahmen überwiegend Klosterschwestern die Erziehung in dem Heim des Caritasverbandes der Diözese Hildesheim. Schon bei der Gründung waren die Kinder in mehreren Häusern untergebracht, die sich auf dem großzügigen Gelände locker verteilten. Rundherum gab es jede Menge Platz zum Spielen und Toben. 50 Jahre später hat sich in der Zielsetzung und pädagogischen Arbeit viel verändert, erläutert Leiter Wolfgang Almstedt. Die Ordensschwestern wurden durch Pädagogen ersetzt. Wurde früher nicht selten ein Kind als Kleinkind aufgenommen und blieb bis zur Volljährigkeit, so liegt die Dauer des Aufenthaltes heute meist bei zwei bis vier Jahren. Das oberste Ziel ist es, dass die Kinder in ihre Familie zurückkehren. Die Zusammenarbeit mit diesen Familien hat daher einen großen Stellenwert. Die Eltern sollen nicht gemaßregelt, sondern ihre Erziehungsfähigkeiten sollen gestärkt werden, damit die Familie eine Chance hat, zusammenzuleben. Diese Zielsetzung ist vom Gesetzgeber vorgegeben und hat neben pädagogischen Idealen auch einen handfesten finanziellen Hintergrund. Ist die Rückkehr in die Familien nicht möglich, werden andere Lösungen, beispielsweise eine Pflegefamilie, gesucht.
Kommen Jugendliche in das Heim, dann sollen sie so rasch wie möglich auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden, sodass sie mit Hilfe ambulanter Betreuung ihren Alltag selbst organisieren können. Mit der Volljährigkeit verlieren die meisten den Anspruch auf stationäre Jugendhilfe und können als junge Erwachsene nicht wie andere auf Rat und Unterstützung der Eltern zurückgreifen. Deshalb müssen sie frühzeitig lernen, sich um Haushalt und Finanzen selbst zu kümmern. Auf die vielfältigen Probleme der Kinder und Jugendlichen reagiert die Kinder- und Jugendhilfe St. Ansgar mit unterschiedlichen Hilfestellungen. Es gibt drei Wohngruppen für je zehn Kinder auf dem Gelände, außerdem sieben Außengruppen in Stadt und Landkreis. Auch dies soll mehr Nähe zu den Familien ermöglichen. Die Gruppen sind vom Alter und Geschlecht gemischt, es gibt allerdings auch eine reine Mädchengruppe sowie eine therapeutische Wohngruppe für Kinder mit besonderen psychischen und sozialen Problemen. Darüber hinaus gibt es Tagesgruppen oder die Möglichkeit, an den Wochentagen im Heim zu wohnen und am Wochenende zu Hause. Mit Unterstützung ambulanter Betreuung können die Kinder oft auch in den Familien bleiben.
Welcher Weg für ein Kind gerade der richtige ist, wird zweimal im Jahr zwischen Jugendhilfeeinrichtung, Jugendamt und Familie abgestimmt. Zu St. Ansgar gehörte bereits vor 50 Jahren eine Schule, die heute Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung ist und von 125 Schülern besucht wird. St. Ansgar betreut zurzeit etwa 250 Kinder, knapp 100 leben in den stationären Wohngruppen. Eine solche Gruppe wird von fünf pädagogischen Mitarbeitern betreut; schließlich muss an jedem Tag und in jeder Nacht des Jahres ein vertrauter Ansprechpartner für die Kinder da sein. "Die Beziehungsarbeit", sagt Erziehungsleiterin Melanie Kreisel, "ist das A und O." Insgesamt hat St. Ansgar derzeit 150 Beschäftigte.
Wie die Zukunft der Einrichtung aussieht, so meint Leiter Almstedt, das hänge sehr von der Gesellschaft ab, von den Bedingungen für Familien und Alleinerziehende. "Ideal wäre es natürlich, wenn die Jugendhilfe überflüssig würde. Aber das kann ich mir nicht vorstellen." Zur Feier des 50-jährigen Bestehens richtet St. Ansgar am Sonnabend, 21. August, ein Sommerfest aus. Den Gottesdienst um 14 Uhr wird Weihbischof Hans-Georg Koitz leiten. Für später hat auch Bischof Norbert Trelle einen Besuch des Festes zugesagt. Der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring wird als Schirmherr der Feier ebenfalls erwartet. An den Vorbereitungen für das Fest waren die Kinder und Jugendlichen in verschiedenen Projektgruppen beteiligt. So wird die St.-Ansgar-Band spielen, Hip Hop mit "muse x and friends" ist zu sehen, Beatboxer zeigen ihr Können, beim Zirkus Ramba Zamba führen die Kinder selbst Kunststücke vor und die Gruppe Ars Saltandi tritt ebenfalls auf. Das Fest findet auf dem Gelände von St. Ansgar, Wiesenstraße 23 E, von 14 bis 18 Uhr statt.
VON MICHAEL B. BERGER
Hannover.
"Sie haben", ruft der neue SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Schostok mit schneidiger Stimme, "einen wirklich fatalen Schlusssatz gesprochen." Und als Schostok den angeblich verräterischen Satz fortführt, heulen die versammelten Vertreter der Regierungsparteien im Niedersächsichen Landtag geradezu auf: "Wir brauchen keinen Tierschutz." Das Aufheulen der Regierung ist an diesem Mittwoch verständlich, denn der zitierte Satz ist unvollständig. "Wir brauchen keine sogenannten Tierschützer wie Peta", hatte zuvor Ministerin Astrid Grotelüschen gesagt. Da indes hatten die versammelten Vertreter der Oppositionsparteien aufgeheult. Obwohl das wechselseitige Aufheulen der Parteien zur festen parlamentarischen Gewohnheit gehört, hat es Astrid Katharina Josefine Grotelüschen wirklich schwer.
Die Nachrichtenagenturen veröffentlichen am 114. Tag ihrer Amtszeit im Niedersächsischen Landeswirtschaftsministerium Fotos, in denen die erste Frau in diesem Amt sich kratzt, ans Auge fasst oder gequält guckt, um den Druck deutlich zu machen, unter dem die verhältnismäßig unerfahrene Politikerin seit zehn Tagen steht – ein Nervenkrieg mit Puten und Faxen. Die 45-Jährige befindet sich im Zentrum einer Kampagne, entfacht durch nächtliche Aktionen der Tierrechtler von Peta in zwei mecklenburgischen Tierställen, die im April wie auch im Juli dieses Jahres stattfanden. Peta steht für "People for the Ethical Treatment of Animals" und fordert, Tiere genauso zu behandeln wie Menschen – sie also nicht zu essen, zu quälen oder in Massen zu halten. Für die Massentierhaltung bei gleichzeitiger Einhaltung des Tierschutzes ist seit dem 27. April dieses Jahres Grotelüschen zuständig. Doch seitdem Peta Bilder von verwesten, sterbenden oder stark ramponierten Puten veröffentlicht hat, die in zwei Ställen aufgenommen worden sein sollen, die mit der Firma von Astrid Grotelüschens Mann eng zusammenarbeiten, hat die Ministerin ein Problem – ein Darstellungsproblem. Schon wenn sie das Wort "Tierschutz" in den Mund nimmt, fühlen sich Oppositionspolitiker zum Aufschrei ermuntert. Für die Regierung ist das, keine Frage, zum Heulen. Gestern im Landtag hatte der Grünen- Abgeordnete Christian Meyer seinen Auftritt – als eine Art Enthüller. "Ich habe hier drei Faxe mit den eidesstattlichen Versicherungen von drei Ministern", sagte Meyer. Sein Versprecher war symptomatisch, denn er sagte "Minister", meinte aber "Mäster".
Das Interessante war weniger der Gehalt der eidesstattlichen Erklärungen, in denen die Putenmäster versicherten, nichts mit verwesten oder "massenhaft verletzten" Tieren zu tun zu haben, sondern eine der Faxnummern, die sich auf den Schreiben befanden: "Das ist die persönliche Faxnummer der Ministerin." Sollte dies zutreffen, dann sei der Verdacht bestätigt, dass die Ministerin an einer "Vertuschungsaktion" beteiligt sei, folgerte der Grüne und tat so, als redete er Grotelüschen ins Gewissen: "Sind sie die Cheflobbyistin ihres Mannes oder Ministerin dieses Landes?", fragte Meyer: "Wir erwarten eine Erklärung, hier und heute." Die Ministerin, die seit Tagen erklärt, seit April überhaupt nichts mit der Firma ihres Mannes zu tun zu haben, verzichtete auf eine konkrete Erwiderung zu den Faxen. Dafür versuchte sich der Abgeordnete Hartmut Möllring (CDU), im Hauptberuf Finanzminister, an einer: "Ist ihnen bekannt, dass mehrere Familienmitglieder mitunter dasselbe Faxgerät benutzen?", fragte Möllring, dessen Sohn ein Grüner ist, "ohne dass Sie mir vorwerfen müssten, mich in die grüne Jugendpolitik eingemischt zu haben." Doch für derart feine Ironie ist Niedersachsens Landtag an diesem Mittwoch nicht der Ort.
In der Lobby bietet ein Cateringservice wahlweise Würstchen oder "Omas Buletten" mit Kartoffelsalat an, im Plenarsaal wollen Grüne, Linke und die SPD – um im Terminus der Nutztierhaltung zu sprechen – die Ministerin schlachten. Sie wetzen jedenfalls rhetorisch weiter die Messer. "Woher kommen die Faxe?", rufen sie, als die Ministerin mit fester Stimme betont, sie habe sich überhaupt nichts vorzuwerfen. Nachdem sie von Fernsehreportern die Bilder mit den verletzten Puten gezeigt bekam, habe sie umgehend das Landwirtschaftsministerium in Schwerin über die angeblichen Missstände informiert – am 4. August, fünf Tage bevor "Report Mainz" die Bilder ausstrahlte. Die Schweriner Behörden hätten bei Stallkontrollen jedoch nichts gefunden. Zudem habe ein Tierarzt der Tierärztekammer, der in der Sendung als eine Art Kronzeuge gegen Grotelüschen erschien, wenig später erklärt, er sei da "über den Tisch gezogen worden". Er habe nur etwas Grundsätzliches über die gezeigten Bilder gesagt, jedoch nichts über die Ministerin Grotelüschen.
"Und wenn Sie, meine Damen und Herren von der Opposition, schon von Moral und Ethik sprechen, dann richten Sie ihr Augenmerk doch einmal auf Peta selbst", forderte die Ministerin. So seien einige der aufwühlenden Bilder bereits im April aufgenommen worden. Warum hätten "die sogenannten Tierschützer" sich dann nicht früher an die Behörden oder an die Polizei gewandt? Auch die Vertreter der Regierungsparteien, in der Sorge um die moralische Lufthoheit in dieser Frage, stellen gestern immer wieder die Integrität der Tierrechtler von Peta infrage. "Das, was hier gemacht wird, kann ich nur mit einem Wort bezeichnen: Das ist eine Schmutzkampagne", donnert der junge FDP-Abgeordnete Jan-Christoph Oetjen: "Frau Grotelüschen ist für die Zustände in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht zuständig, sondern ihr SPD-Kollege Till Backhaus."
Als Oetjen, von Beruf selbst Bauer, sich über die Fachkompetenz der SPD-Agrarpolitiker lustig macht, die nichts von selbstständigen Landwirten und dem Sinn von Erzeugergemeinschaften verstünden, bekommt er von den Regierungsparteien donnernden Applaus. "Ich bin erschüttert, mit welchem Stil hier agiert wird", sekundiert der CDUAbgeordnete Karl-Heinrich Langspecht: "Wo sind konkret die Rechtsverletzungen? Ist doch völlig belanglos, von wo etwas gefaxt wird. In welcher Welt leben wir denn?" Da die gesamte "Affäre" sich in der politischen Welt abspielt, hat am Mittwoch niemand dem Abgeordneten Langspecht geantwortet. Grotelüschen selbst, die sich gestern ausgesprochen kampfeslustig zeigte, ist entnervt, dass ihre Familie und der Betrieb ihres Mannes in die allgemeine Auseinandersetzung um die Massentierhaltung gezogen werden, die nicht nur die Tierrechtler von Peta immer wieder entfachen. Aber dass diese Debatte immer unduldsamer geführt wird, zeigt auch die Morddrohung, die vorgestern bei der CDU-Fraktion eintrudelte. "Weg" müsse die Ministerin, schrieb da ein Anonymus und setzte die Politikerin in ein Fadenkreuz. Auch wegen dieser Drohung haben sich die Reihen der CDU-Fraktion um die 45-jährige Ernährungswissenschaftlerin aus Großenkneten geschlossen, obwohl sie mit einigen ungeschickten Äußerungen selbst zu dem Wirbel beigetragen hat.
Die Sprache des Tierschutzes, so viel wird deutlich, spricht sie noch nicht, auch wenn sie gestern beteuert hat, wie ernst ihr Ministerium konsequente Kontrollen in den Betrieben nehme. Aber leichter gehen ihr Worte wie das von der "Veredelung" über die Lippen, "die Wertschöpfung, Arbeitsplätze und die Rohstoffversorgung der stärksten Ernährungswirtschaft Deutschlands" garantiere. Gesunde Lebensmittel dem Verbraucher preiswert zu liefern – das war jahrelang Grotelüschens Job als Geschäftsführerin der familieneigenen Putenkükenbrüterei. Nun steht sie vor ganz anderen Aufgaben. "Sie müssen endlich ankommen in ihrem Amt, dass Sie für vieles andere mehr in die Pflicht nimmt", sagte gestern die SPD-Abgeordnete Andrea Schröder- Ehlers. Und das klang, trotz aller Kontroversen, für einen Moment sogar ehrlich gemeint.